Süddeutsche Zeitung,
09.09.2003
Ohne Papiere, ohne Hoffnung
Ausreisezentrum Fürth als
inhumaner Abschiebeknast verrufen
Selbst die Behörden hatten nicht damit gerechnet, dass die Proteste so
massiv und so ausdauernd sein würden. Kritisch äußern sich nicht
nur Initiativgruppen im ganzen Land, Kritik kommt auch vom DGB und von kirchlicher
Seite. Auf der Herbstsynode der evangelischen Landeskirche wird den Delegierten
sogar ein Entschließungsantrag vorliegen. Darin wird die Auflösung
des so genannten Ausreisezentrums für Asylbewerber und Flüchtlinge
in der Hafenstraße in Fürth gefordert.
Bayerns erstes und bislang einziges Ausreisezentrum ging vor genau einem Jahr
in Betrieb. Die Einrichtung habe sich bewährt, wird Innenminister Günther
Beckstein kommenden Mittwoch auf einer Pressekonferenz bilanzieren. Das Abschiebelager
muss weg, weil es inhuman sei und in der Sache nichts gebracht
habe, sagen hingegen Flüchtlings- und Menschenrechtsorganisationen, die
am Freitag in einem Hearing in Fürth Fachleute aus der gesamten Bundesrepublik
zu diesem Thema zu Wort kommen lassen wollen. Mit der Einweisung in das Ausreisezentrum
will das Innenministerium Druck auf Asylbewerber machen, die Bundesrepublik
wieder zu verlassen. Während des Aufenthalts im Ausreisezentrum sollen
die für eine Abschiebung notwendigen Papiere besorgt und die Identität
der Abschiebekandidaten geklärt werden, die sich in der Regel nicht mit
einem Pass ausweisen können. Mit dem Aufenthalt im Ausreisezentrum soll
den Flüchtlingen laut Innenministerium verdeutlicht werden, dass
keine Aufenthaltsperspektive in Deutschland besteht und es keine Alternative
zur Ausreise gibt. Notfalls solle diese Erkenntnis bei den
Betroffenen auch durch psychologische Begleitung herbeigeführt
werden.
Kritiker sehen in dem Ausreisezentrum eine Art Abschiebeknast, in dem ohne
richterliche Überprüfung Personen für unbegrenzte Zeit festgehalten
werden können. Dies, so moniert etwa die Menschenrechts-Organisation res
publica in München, widerspreche rechtsstaatlichen Grundsätzen. Während
nach dem Gesetz eine Abschiebehaft längstens 18 Monate dauern darf, ist
der Aufenthalt im Ausreisezentrum in Fürth grundsätzlich unbegrenzt.
Wer nicht hilft, seine Identität zu klären, damit er abgeschoben werden
kann, darf nicht arbeiten und er bekommt auch nur eine stark gekürzte Sozialhilfepauschale.
Dies hat zur Folge, dass die Bewegungsfreiheit der Betroffenen stark eingeschränkt
ist. Das Lager in Fürth ist mit einem 2,20 Meter hohen Zaun umgeben und
kann nur mit einem Besucherschein betreten werden. Die Lebensverhältnisse
dort seien inhuman, monieren res publica, der DGB und auch die Kirchen.
Nach Darstellung von res publica sind bis jetzt rund 45 Asylbewerber untergetaucht,
nachdem sie die Einweisung in das Ausreisezentrum erhalten hatten. Damit, so
heißt es bei der Initiative, habe diese Einrichtung ihr Ziel verfehlt.
Ursprünglich sollten in Bayern vier solcher Einreisezentren eingerichtet
werden. Das sei nicht mehr der aktuelle Stand, erklärt das
Innenministerium. Die Einrichtung eines zweiten Lagers ist bis jetzt am örtlichen
Widerstand gescheitert erst in Neuburg an der Donau, zuletzt in Engelsberg
im Landkreis Traunstein. Abschiebelager gibt es noch in Niedersachsen, Rheinland-Pfalz
und Sachsen-Anhalt. Nordrhein-Westfalen hat eine entsprechende Einrichtung nach
Protesten und dem Selbstmord eines Insassen wieder geschlossen.
Christian Schneider