Stuttgarter Zeitung,
18.12.2002
Ausreisezentrum Fürth, Zuhause für 43 Männer
Bis die Lust auf Deutschland vergeht
Die Karlsruher Verfassungsrichter entscheiden heute über
das Zuwanderungsgesetz. Darin ist auch von Ausreisezentren die Rede. Die haben
nichts mit Tourismus zu tun. Flüchtlinge ohne Asylrecht wohnen dort. Leute,
deren Identität sich nicht mit Sicherheit feststellen lässt.

Das Fürther Hafengebiet mit den Containern des Ausreisezentrums:
wer dort lebt, spricht vom "Lager". (Foto dpa)
Von Christopher Ziedler, Fürth
Hier im Hafengelände von Fürth, wo Lastkähne be- und entladen
werden, die auf dem Main-Donau-Kanal fahren, dominieren Industrieanlagen und
Speditionen. Kein Bäcker ums Eck, kein Supermarkt, kein Café. Zwar
hält ab und zu ein Bus, der die Fahrgäste in einer halben Stunde in
die Fürther Innenstadt bringt. Aber wohnen? Wohnen will hier eigentlich
niemand. In Nummer 21, einem beigefarbenen Containerblock, sind dennoch 43 Männer
aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und aus Schwarzafrika untergebracht
- weitab vom Schuss. Im neuen Ausreisezentrum von Fürth leben abgelehnte
Asylbewerber.
Klingeln und warten. Dann öffnet der Mitarbeiter des privaten Wachdienstes
das Fenster. Kurz darauf öffnet sich die elektronisch gesicherte Drehtür
und der Besucher steht auf dem umzäunten Gelände des Ausreisezentrums.
Verlassen die Bewohner diesen Bereich - und sei es nur, um den Müll rauszubringen
-, müssen sie sich beim Pförtner registrieren lassen. Über die
Dauer ihrer auf das Stadtgebiet begrenzten Ausflüge führt der Wachhabende
Buch. Besuch ist nicht erlaubt, außer es liegt "ein berechtigter
Grund" vor. Im Gegensatz zur normalen Asylbewerberunterkunft jenseits des
Zauns ist an der Fassade keine Satellitenschüssel zu sehen - Radio- und
Fernsehverbot. Das macht die Tage, Monate und Jahre länger.
Wann die Männer in ihre Heimat zurückkehren, ist offen. Man weiß
nicht, aus welchem Land sie stammen oder wer sie wirklich sind. Einen Pass hat
hier niemand. Und ohne gültige Reisedokumente, so verlangt es das Gesetz,
darf niemand aus der Bundesrepublik abgeschoben werden. Weil das mancher negativ
beschiedene Flüchtling weiß und seine Papiere absichtlich vernichtet,
sieht der Staat Handlungsbedarf. Lange wurden solche "geduldeten"
Flüchtlinge in Abschiebehaft genommen. Vor zwei Jahren hat das Bundesverfassungsgericht
dies verboten. In Abschiebehaft darf seither nur noch gesteckt werden, wer wirklich
abgeschoben werden kann. Die Höchstdauer beträgt jetzt 18 Monate.
In Fürth ist schon das fünfte Ausreisezentrum seiner Art in Deutschland
entstanden. Der schönfärberische Begriff taucht nun erstmals in einem
Bundesgesetz auf, im Zuwanderungsgesetz, über das heute die Verfassungsrichter
in Karlsruhe entscheiden. Wer von der Ausländerbehörde einen "Umverteilungsbescheid"
bekommt, muss rein. Die Flüchtlinge bleiben dann dort, bis sie ihre "wahre
Identität" preisgeben. "Die Unterbringungsdauer hängt ausschließlich
von der Mitwirkungsbereitschaft des Einzelnen ab", hat Bayerns Innenminister
Günther Beckstein zur Eröffnung im September gesagt, "jeder hat
es selbst in der Hand, seinen gesetzlichen Verpflichtungen zu genügen und
an der Beseitigung der von ihm selbst geschaffenen Ausreisehindernisse mitzuwirken."
Im Container wartet der Oberregierungsrat Christoph Hammer, der die Gäste
durch das zweistöckige Gebäude führt. Alles könne man anschauen,
sagt er, nur mit den Bewohnern solle man bitte nicht sprechen. Einer von ihnen
holt sich gerade sein Essenspaket mit Eiern, Truthahnjagdwurst, Brot, Rinderhack
und einer Kiwi ab. Die Rationen werden täglich verteilt. Das soll garantieren,
dass niemand länger wegbleibt. Ein monatliches Taschengeld von 40 Euro
lässt einen Imbiss außer Haus kaum zu.
Am Ende des langen Flurs steht ein Zimmer leer. 50 Plätze gibt es insgesamt,
alles Doppelzimmer, eines eingerichtet wie das andere: zwei Betten, zwei Spinde,
zwei Stühle, ein Tisch. Das Ausreisezentrum beherbergt erst 43 Flüchtlinge.
Insgesamt 80 hätten die Behörden zum Umzug aufgefordert, davon sei
ein Drittel untergetaucht, gegen 15 Umverteilungsbescheide sei Klage erhoben
worden, berichtet Hammer. Seine Behörde geht davon aus, dass 60 Prozent
der Untergetauchten das Land verlassen, zumindest würden sie nie mehr von
der Polizei aufgegriffen - "bei der Kontrolldichte in Deutschland"
eine verlässliche Zahl, glaubt Hammer.
Die Wände im Flur sind fast kahl. Einzig ein Stadtplan von Fürth,
der den Bewohnern ihren begrenzten Bewegungsradius vor Augen führt, und
eine Liste mit Uhrzeiten und Namen hängen dort: "Patrick David; 9.30
Uhr" steht ganz oben. Heute soll er sich im Anhörerzimmer eins einfinden.
Drei solcher Zimmer gibt es, dort hinein werden die Bewohner regelmäßig
zitiert - bis zu drei Mal in der Woche. Das Interieur dieser holzvertäfelten
Räume ist schlicht: ein Regal, ein Schreibtisch, ein Telefon - und eine
Weltkarte, auf die sie zeigen sollen, wenn es um das Herkunftsland geht. Hammer
lässt sich auf einem Stuhl nieder, auf dem für gewöhnlich einer
der fünf Anhörer Platz nimmt, die der Freistaat Bayern eingestellt
hat. Bezahlt werden sie aus Becksteins Sicherheitspaket zur Terrorismusbekämpfung.
Die Anhörer sollen, so erläutert Christoph Hammer, "den freiwilligen
Willensentschluss zur Rückkehr fördern". Bis zu drei Mal die
Woche sagen sie ihrem Gegenüber, dass er hier keine Chance mehr hat - nicht
auf Arbeit, nicht auf einen Sprachkurs, nicht auf Integration. Und überhaupt,
die Abschiebung müsse man selber bezahlen und in die EU dürfe man
danach auch nie wieder. Warum also nicht freiwillig - versehen mit einer kleinen
finanziellen Starthilfe - Deutschland verlassen? Es sei geplant, berichtet Hammer,
Rückkehrern noch ein Berufspraktikum mit auf den Weg zu geben und ihnen
karitative Anlaufstellen in der Heimat zu nennen. Deshalb hören die Flüchtlinge
die eine Frage immer wieder: Wer bist du wirklich?
Die Hälfte der Bewohner hat bereits eingeräumt, bisher unvollständige
Angaben gemacht zu haben. Sechs von ihnen haben jetzt eine neue Identität,
einer ist bisher ausgereist. Denen, die sich weigern, einen neuen Namen oder
ein neues Land zu nennen, kann das Taschengeld gekürzt werden. Hammer nennt
das "eine Zermürbungstaktik dahingehend, dass wir den Personen klar
sagen, dass es für sie in Deutschland keine Perspektive mehr gibt".
Wie das auf Dauer wirkt, zeigt das Beispiel Rheinland-Pfalz. Dietmar Martini-Emden,
dort in leitender Funktion für das Ausreisezentrum in Ingelheim zuständig,
schreibt, dass es "die Menschen in eine gewisse Stimmung der Hoffnungs-
und Orientierungslosigkeit versetzt".
"Totale Langeweile und Verzweiflung" antwortet Dimitri Olenin in
gutem Deutsch, als er auf die Stimmung in der Hafenstraße angesprochen
wird. Der schlaksige junge Mann, der behauptet wirklich Olenin zu heißen
und Russe zu sein, sitzt in einem Café in der Fürther Innenstadt.
Auch Patrick David aus Liberia ist gekommen. Hier erzählen sie ihre Geschichten.
Dimitri Olenin sei Unteroffizier der Roten Armee gewesen, aber nach etwas mehr
als einem Jahr desertiert, weil er nicht in Berg-Karabach kämpfen wollte.
Im Januar 1992 sei er nach Deutschland gekommen und drei Jahre später sei
sein Asylantrag gescheitert, obwohl Deserteuren in Russland lebenslange Haft
drohe. Niemand glaube ihm, dass er beim Militär Pass und Soldbuch habe
abgeben müssen. Was ist die Wahrheit? Für die Ausländerbehörde
genügt es, dass die russischen Kollegen nichts von ihm wissen wollen. "Ich
halte das nicht mehr aus", sagt Dimitri Olenin - leise, mehr zu sich selbst.
Dann geht er wieder zurück - "ins Lager".
Menschenrechtsgruppen sind gegen Ausreisezentren. Erst kürzlich haben
300 Menschen in der Fürther Innenstadt gegen das "Abschiebelager"
demonstriert. "Was harmlos klingt, entpuppt sich als Abschiebegefängnis
light", kritisiert beispielsweise die Menschenrechtsorganisation Res Publica
aus München. Ihr Sprecher Alexander Thal nennt Zahlen aus Niedersachsen,
die belegen sollen, dass es kaum freiwillige Ausreisen gibt und das Leben im
Ausreisezentrum meist zur Dauereinrichtung wird. Die Organisation Pro Asyl hält
das für einen "Verstoß gegen die Menschenwürde". Ein
Bewohner des Ausreisezentrums in Braunschweig ist wegen seiner Einweisung vor
das Bundesverfassungsgericht gezogen. Bayerns Grüne fordern eine Schließung
der Anlage in Fürth: "Ausreisezentren sind inhuman, teuer und erfolglos."
Innenminister Beckstein entgegnet kühl: "Die Rückführung
abgelehnter Asylbewerber ist allemal humaner als das Vorgaukeln eines nicht
erreichbaren Aufenthaltsrechts."
Christoph Hammer weist den Weg nach oben. In der Küche des zweiten Stocks
brutzeln ein paar Hähnchenschlegel, aus dem Zimmer gegenüber dröhnt
laute Musik. "Sie hören, es gibt auch Radios", sagt Hammer. Das
Verbot gilt zwar, aber man will Kulanz walten lassen. Und im Gemeinschaftsraum
steht jetzt auch ein Fernseher.